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Antarktis

Wir prüfen fachliche Vorschläge für deutschsprachige Namen geographischer Objekte in der Antarktis im Auftrag des deutschen Landesausschusses SCAR (Scientific Committee on Antarctic Research).

Einleitung

Geographische Namen sind in der Antarktis unerlässlich zur Orientierung und Navigation sowie zur Identifizierung und Positionierung von Objekten. Sie liefern ein maßgebliches Referenzsystem für logistische Operationen (besonders wichtig: Search & Rescue), für wissenschaftliche Forschung und für Umweltschutzmaßnahmen. Sie ermöglichen und erleichtern den Informationsaustausch im Gelände, in wissenschaftlichen Publikationen und bei administrativen Maßnahmen innerhalb des Antarktis-Vertragssystems. Geographische Namen spiegeln auch die Geschichte der Entdeckung des Kontinents wider.

Wie kam die Antarktis zu ihrem Namen?

Den Ursprung für die Namengebung „Antarktis“ finden wir für den Namensteil „Arktis“ in der griechischen Mythologie. Der zufolge soll die eifersüchtige Hera die von Zeus geschwängerte Nymphe Kallisto in eine Bärin (griech. ἡ ἄρκτος) verwandelt haben. Um zu verhindern, dass auf einer Jahre späteren Bärenjagd der von Zeus gezeugte Sohn Arkas die eigene Mutter unbewusst tötet, greift Zeus in das Jagdgeschehen ein und befördert Mutter und Sohn vor der Bluttat an den Himmel, wo sie seitdem als Sternbilder Großer Bär und Kleiner Bär (mit dem Polarstern) den Seefahrern als Navigationshilfe dienen und auf der Nordhalbkugel das ganze Jahr über zu beobachten sind.

Die Vorsilbe „Ant“ (griech. ἀντί) verdanken wir den griechischen Philosophen, denen die Kugelgestalt der Erde bereits bekannt war und die ab etwa 350 v. Chr. (z.B. Aristoteles (384-322), Eratosthenes (276-194), Hipparchos (ca. 190-120)), die Arktis als eine „kalte Region“ im Norden bezeichneten. Sie postulierten einen Gegen-Kontinent „Anti-Arktis“, der aus Symmetriegründen ebenfalls kalt sein müsse.

Damit sollte die Herkunft des Namens „Antarktis“ für den Namenkundler hinlänglich „belegt“ sein. Bleibt für den Kartographen noch die Frage, wann wurde der Kontinent entdeckt und wann erschien der Name erstmals auf katographischen Produkten?

Die frühe kartographische Darstellung der Antarktis

Im Gegensatz zu den theoretischen Überlegungen der griechischen Philosophen, wurden später, bis in die Zeit der Expeditionen von James Cook (um 1775), die verwegendsten und phantasievollsten Vorstellungen über die Größe und Beschaffenheit des Südkontinents entwickelt. Waldseemüllers Karte von 1507, mit der ersten Darstellung von Amerika, reicht nur bis 30°S und gibt demzufolge noch keinen Hinweis auf die Antarktis. Karten von Orontius (1531)  und Ortelius (1570) zeigen einen riesigen Südkontinent, der Australien und Teile Patagoniens mit einschließt und teilweise über den Südlichen Wendekreis (23,5°S) reicht. Auf beiden Karten wird der antarktische Kontinent noch als „Terra Australis Incognita“ bzw. „Terra Australis Nondum Cognita“ bezeichnet, der Südliche Polarkreis aber mit „Circulus Antarcticus“, womit die Region südlich davon ihren Namen bekommen hat.

Seit den „alten“ Griechen dauerte es gut 2000 Jahre bis vom ersten Kontakt mit Packeisfeldern durch Halley im Jahre 1700 berichtet wurde (in der Gegend von South Georgia) und wir von James Cook durch seine Forschungsfahrten um die Antarktis (1772-1775) einigermaßen realistische Vorstellungen von den möglichen Ausmaßen des Kontinents erhielten. 

Hinweisen sollte man auf eine Karte des türkischen Admirals und Kartographen der osmanischen Flotte, Piri Reis, die, verglichen mit der Waldseemüllerkarte, eine gute kartographische Darstellung von Westafrika und der Ostküste des südamerikanischen Kontinents zeigt und die auf das Jahr 1513 datiert wird. Dort wird auch ein Teil der Antarktis um das Weddellmeer herum dargestellt, ohne jedoch die Existenz von Packeisfeldern anzudeuten. Unklar ist bis heute jedoch, woher die Kenntnisse über den Küstenverlauf stammen. In einem Beitrag von Philippe Buache im Band 33 des Gentleman’s Magazine von 1763 wird der bis dahin unbewiesene Südkontinent als „Terres Antarctiques“ bezeichnet und vermutet, dass er aus zwei Landmassen besteht.

Die Entdeckung der Antarktis

Die erste dokumentierte Sichtung von „Festland“ erfolgte auf Expeditionsfahrten von Fabian Gottlieb von Bellingshausen (1778-1852), der in Diensten der russischen Marine stand. Am 28.01.1820 wird zum Kontinent gehörendes Schelfeis etwa in der Gegend der heutigen Neumayerstation gesichtet, Tage später bei 69°S, 16°E (Prinsesse Ragnhild Kyst) wird von eisbedeckten Bergen berichtet. Zeitgleich, am 30. Januar, entdeckt der Brite Edward Bransfield die nördliche Küste der Trinity Peninsula (63°S, 57°W) und kartiert erstmals einen Teil des antarktischen Festlands. Ab diesem Zeitpunkt begann eine Erforschung der Antarktis mit zeitweise wechselnder Intensität, wobei einen merklichen Beitrag auch Walfänger und Robbenjäger leisteten.

Seit wann wird der Name Antarktis bzw. Antarctica für den entdeckten Kontinent benutzt?

Der Name „Antarctica“ für den (bestätigten) Kontinent wurde 1886 von John Murray in einem Artikel des Scottish Geographical Magazine vorgeschlagen und ist seitdem in den verschiedenen sprachlichen Varianten als „Antarktis“, „L’Antarctide“, „Antarctique“, „Antártida“, etc. allgemein akzeptiert worden.

Die heutige „Nutzung“ der Antarktis wird durch den Antarktisvertrag geregelt, der seit 1961 in Kraft ist. Er legt fest, dass die unbewohnte Antarktis südlich von 60°S ausschließlich friedlicher Nutzung, besonders der wissenschaftlichen Forschung, vorbehalten bleibt. Deutschland ist seit 1979 Mitglied und besitzt seit 1981 Konsultativstatus im Antarktisvertrag. Dieser ist übrigens ein internationaler Vertrag ohne Beteiligung der Vereinten Nationen.

Seit wann werden in der Antarktis deutschsprachige Namen vergeben?

Folgende bedeutende Expeditionen von deutschen Forschern oder im deutschen Auftrag, bei denen topgraphische Objekte benannt wurden, sind seit 1873 unternommen worden:

  • In der Saison 1873/74 durch den Walfänger und Polarforscher Eduard Dallmann im Auftrag der Deutschen Polar-Schifffahrtsgesellschaft für Erkundungsfahrten mit dem Schiff Grönland im Bereich der Westküste der Antarktischen Halbinsel (bis 65°Süd);
  • Durch den norwegischen Walfänger und Antarktisforscher Carl Anton Larsen 1893/94 im Auftrag der Hamburger Firma Woltereck & Robertson mit den Schiffen Hertha und Jason auf beiden Seiten der Antarktischen Halbinsel (bis 66°Süd);
  • Während der Deutschen Südpolar-Expedition 1901-03 unter Leitung von Erich von Drygalski im Küstenbereich der Ostantarktis bei ca 90°Ost;
  • Bei der Deutschen Antarktischen Expedition 1911/12 unter Leitung von Wilhelm Filchner am Ostrand des Weddellmeeres bis 78°Süd;
  • Während der Deutschen Antarktischen Expedition 1938/39 unter Leitung von Alfred Ritscher mit der Erkundung des Neuschwabenlandes durch Flugboote von ca. 0° bis 15°Ost und bis 75°Süd;
  • Durch Beteiligung von DDR-Gastforschern an sowjetischen Expeditionen 1971/72 (68°Süd, 47°Ost) und 1976/77 (81°Süd, 24°West);
  • Durch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), die seit 1979 jährlich Expeditionen mit schwerpunktmäßig geologischen und geophysikalischen Forschungszielen in mehreren Regionen durchgeführt hat, insbesondere die Ganovex-Aktivitäten im nördlichen Victoria Land im Bereich zwischen 70° und 75°Süd bei 165°Ost sowie
  • durch das Alfred-Wegener-Institut (AWI), das seit 1980/81 durch die Neumayer-Forschungsstationen (71°Süd, 7,5°West) und weitere Forschungseinrichtungen ständig in der Antarktis vertreten ist und Forschungsaktivitäten in vielen Disziplinen in großen Teilen der Antarktis jährlich durchführt.

Warum sind geographische Namen in der Antarktis so wichtig?

Besonders in der Antarktis ist die Bezeichnung von topographischen Objekten durch geographische Namen unerlässlich für die Identifizierung und Positionierung von Orten, da dort die für uns alltagsgewohnte Verkehrsinfrastruktur zur Orientierung und Navigation völlig fehlt. Deshalb liefern die geographischen Namen in der Antarktis (zusätzlich zur Satellitennavigation) ein maßgebliches und unverzichtbares Referenzsystem für logistische Operationen (besonders wichtig: Search & Rescue), für wissenschaftliche Forschung und für Umweltschutzmaßnahmen. Sie ermöglichen und erleichtern den Informationsaustausch im Gelände, in wissenschaftlichen Publikationen und bei administrativen Maßnahmen innerhalb des Antarktis-Vertragssystems. Geographische Namen spiegeln auch die Geschichte der Entdeckung des Kontinents wider.

Gibt es Regeln für die Namenvergabe in der Antarktis?

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es hauptsächlich wirtschaftliche Gründe (Robben- und Walfang), die in die Antarktis führten. Später kamen territoriale Interessen einzelner Länder hinzu. Das hatte zur Folge, dass Namen insbesondere für küstennahe Objekte überwiegend nach Fahrtteilnehmern, Sponsoren und Förderern von Expeditionen benannt wurden, bzw. nach Regenten der expeditions-entsendenden Länder. Heute ist die Antarktis ein „Kontinent der Wissenschaft“ und der friedlichen Nutzung. Damit hat sich auch die Namengebung gewandelt. 

Ein Name soll nur vergeben werden, wenn es für die wissenschaftliche Arbeit im Forschungsgebiet unbedingt erforderlich ist. Er soll unverwechselbar mit bereits existierenden Namen sein. Und er soll beschreibenden Charakter haben und kurz sein. Die Vergabe von Personennamen ist von nachgeordneter Bedeutung.

Zur Zeit betreiben über 50 Staaten als Konsultativmitglieder des Antarktisvertrages Forschung in der Antarktis und demzufolge werden geographische Namen in zahlreichen Sprachen und Schriften verwendet. Auf international einheitliche Richtlinien für den Gebrauch bereits vorhandener und die Vergabe neuer Namen hatte man sich bis vor Kurzem jedoch noch nicht verständigen können. Das hatte in vielen Fällen zu Unklarheit und Verwirrung in der Anwendung geographischer Namen geführt.

Unter der Federführung des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie (BKG, ehemals Institut für Angewandte Geodäsie (IfAG)), und in Abstimmung mit dem Ständigen Ausschuss für geographische Namen (StAGN), wurde im Jahr 1994 der Entwurf „Proposed International Toponymic Guidelines for the Antarctic“ erarbeitet und auf der Sitzung der Working Group on Geodesy and Geographic Information (WG GGI) des Scientific Committee on Antarctic Research (SCAR) in Rom eingehend diskutiert und aus fachlicher Sicht akzeptiert. Diesem Entwurf, der den Grundsatz „Ein Objekt - Ein Name“ propagierte, wurde anschließend jedoch von einigen nationalen Antarktisnamenbehörden die Zustimmung verweigert. Im Jahr 2021 ist nunmehr von dem SCAR Standing Committee on Antarctic Geographic Information (SCAGI) eine Fortschreibung des 1994 diskutierten Papiers erfolgt und als SCAR Report No 41, October 2021, unter dem Titel International Principles and Procedures for Antarctic Place Names veröffentlicht worden.

Wo werden deutschsprachige geographische Antarktisnamen dokumentiert und verfügbar gemacht?

Die Veröffentlichung der vergebenen Namen erfolgte in den Anfängen der Antarktisexpeditionen in der Regel in Forschungsberichten und wissenschaftlichen Publikationen und nicht so sehr in Namenverzeichnissen (Gazetteers). Mit diesen Arbeiten begann man systematisch erst kurz vor oder nach dem II. Weltkrieg, vor allem in Großbritannien, USA und Norwegen. Ein Verzeichnis mit 348 deutschen Antarktisnamen und 284 Benennungen in subantarktischen Regionen, die seit 1873 vergeben worden waren, wurde 1988 vom IfAG in gedruckter Form herausgegeben. Hierzu sind bis heute in 19 Nachträgen 66 weitere deutschsprachige Namen im Internet veröffentlicht worden.

Im Jahr 1992 hatte die SCAR WG GGI beschlossen, einen „Composite Gazetteer of Antarctica“ (CGA) einzurichten, in dem alle in der Antarktis vergebenen Namen erfasst und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Die Datenbank wird heute vom Australian Antarctic Data Centre gepflegt und ist im Internet abrufbar.

Das Verzeichnis deutschsprachiger geographischer Namen der Antarktis

Im Jahr 2020 wurden Angaben zu 413 deutschsprachigen Namen durch den StAGN so ergänzt und überarbeitet, dass sie die Spezifikationen des CGA erfüllen. Die Nameneinträge enthalten folgende Attribute:

  • die geographischen Koordinaten Breite und Länge des topographischen Objekts,
  • die Geländehöhe des Objekts,
  • eine Kommentarspalte, in der eine Orts- und Lagebeschreibung des benannten Objekts und Angaben zu den betreffenden Expeditionen oder anderen Ereignissen gemacht sind.
  • eine Kommentarspalte mit Angaben zu den namengebenden Gründen,
  • eine Kommentarspalte, mit den Daten vom Einreichen des Namenvorschlags über die sachliche Überprüfung durch den StAGN bis zum endgültigen Beschluss durch das Deutsche Nationalkomitee für Polarforschung.

Die im CGA enthaltenen deutschsprachigen Namen sind unter Verzeichnis deutschsprachiger geographischer Namen der Antarktis, 3. Ausgabe, Version 3.1, 2021 (nicht barrierefrei) [PDF, 865 KB] abrufbar. Für wissenschaftliche Arbeiten ist eine Excel-Datei bei der StAGN-Geschäftsstelle erhältlich.

Wie und durch wen werden deutschsprachige Antarktisnamen anerkannt und beschlossen?

Anfang der 1980er Jahre wurde in Zusammenarbeit von IfAG und StAGN mit der systematischen Sammlung und Erfassung deutschsprachiger Antarktisnamen begonnen. Dabei wurde ein Verfahren für die Anerkennung der Namen eingeführt, das bis heute angewendet wird und dem Verfahren entspricht, wie es im SCAR Report No 41 (2021) für die internationale Anerkennung empfohlen wird.

Das Verfahren für die Anerkennung von deutschsprachigen Antarktisnamen durchläuft folgende Schritte:

  1. Einreichen eines Namenvorschlags – in der Regel durch einen Expeditionsteilnehmer, aber auch „Schreibtisch“-Vorschläge sind zulässig – an den StAGN mit Beschreibung und Begründung auf einem Formblatt.
  2. Überprüfung auf sachliche Richtigkeit durch den StAGN:
    1. Vollständigkeit der Angaben im Formular;
    2. Angemessener (wohlklingender, euphonischer) deutschsprachiger Name;
    3. Geographische Koordinaten und Geländehöhe des benannten Objektes;
    4. Objekt bereits benannt? (Kontrolle mit Composite GazetteerAntarctica (CGA); ggfs auch andere nationale Gazetteers);
    5. Verwechslungsmöglichkeit mit bereits existierenden anderen Antarktisnamen (Homonyme)?
    6. Richtige Objektkategorie;
    7. Korrekte Schreibweise;
    8. Unverbindliche Einschätzung/Bewertung des Namenvorschlags (endgültige Entscheidung darüber trifft das NK SCAR/IASC);
    9. Führen des Quellenordners durch die StAGN-Geschäftsstelle.
  3. („Sachlicher“) Beschluss des StAGN.
  4. (“Politischer“) Beschluss des NK SCAR/IASC über die Angemessenheit des vorgeschlagenen Namens.
  5. Aufbereiten aller Daten durch StAGN für die Meldung an SCAR CGA.
  6. Übernahme in Verzeichnis/Namendatei/Datenbank/Gazetteer beim BKG.
     
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