Aufgaben und Ziele
Freilich, wenn man unter Geographie nichts anderes versteht, als ein trockenes Namensverzeichnis von Ländern, Flüssen, Grenzen und Städten, so ist sie allerdings eine trockene, aber auch zugleich eine so unwürdig behandelte und missverstandene Wortkenntnis, als wenn man von der Historie nichts als ein Verzeichnis von Namen unwürdiger Könige und Jahreszahlen kennt.
Johann Gottfried Herder
Wie bereits Johann Gottfried Herder feststellte, ist Geographie, damit auch die Kartographie, natürlich mehr als ein trockenes Namensverzeichnis. Aber was wäre eine Karte nur ohne geographische Namen? Wer würde mit einer stummen Karte ins Gelände gehen und versuchen, sich zurecht zu finden?
Was steckt alles in einem (geographischen) Namen?
Der übliche Einstieg in die Geoinformation erfolgt durch geographische Namen. Sie sind elementarer Bestandteil von Geobasisinformationen. Namen erwecken Erwartungen und vermitteln Ansehen, sie sind entscheidend für das Herausbilden einer Identität. Namen weisen auch auf das Bewusstsein eines sprachlichen und kulturellen Erbes hin. Uneinheitlicher Gebrauch von geographischen Namen führt zu Missverständnissen in vielen Lebensbereichen bis hin zu politischen Konflikten. Grundsätzliches Ziel ist, Eindeutigkeit durch vereinheitlichten Gebrauch geographischer Namen im öffentlichen Leben zu erreichen. Die Standardisierung dient somit nicht nur den Zwecken der Verwaltung, sondern auch der amtlichen topographischen Kartographie, der Wissenschaft, der Volksbildung, den Medien und jedem Bürger, der sich geographisch orientieren möchte.
Es steht völlig außer Frage, dass korrekt geschriebene geographische Namen u.a. für Postdienste, den Telekommunikationssektor, das Katastrophenmanagement, Sicherheits- und Rettungsdienste, den Verkehr und die Navigation, den Tourismus sowie zur Verwendung in Massenmedien unentbehrlich sind. Darüber hinaus benötigen Geoportale und ortsbezogene Dienste (Location Based Services) multilinguale geographische Namen nicht nur als ein Zugangsmittel, sondern auch ganz generell, um die Attraktivität ihrer Dienste zu erhöhen. Ebenso profitieren z. B. Hersteller von Landkarten, Herausgeber von Atlanten und Wörterbüchern, sowie Museen, Archive und Büchereien gleichfalls durch den Zugang zu multilingualen geographischen Namendatenbanken über einen europaweiten Internetdienst.
Als konkrete Anforderungen für die Bereitstellung von Namendaten im allgemeinen lässt sich festhalten, dass sowohl die Gleichrangigkeit von geographischen Namen (z.B. für ‚Athen‘ die Originalformen in griechischer und in lateinischer Schrift: ‚Αθήνα‘, ‚Athina‘) sowie die Mehrsprachigkeit, d.h. die Unterstützung von geographischen Namen in mehreren Landessprachen inkl. Minderheitensprachen (‚Helsinki‘ in Finnisch und ‚Helsingfors‘ in Schwedisch), hervorgehoben werden müssen. Jedes geographische Objekt kann demzufolge durch ein oder mehrere geographische Namen charakterisiert werden. Ein geographischer Name kann zudem ein oder mehrere (offizielle) Schreibweisen haben, z.B. in unterschiedlichen Skripten wie „Latin/Roman“, „Griechisch“ oder „Kyrillisch“.
Die einfache und schnelle Verknüpfung von Endonymen (Namen, die am Ort gesprochenen bzw. verwendet werden) und sog. Exonymen (Namen, die in einer anderen Sprache gebraucht werden als die am Ort gesprochene) ist in vielen Anwendungen bereits üblich, aber oft nicht korrekt. Mailand ist z.B. das deutsche Exonym für das am Ort gesprochene Milano (Endonym). Hinsichtlich des Beispiels ‚Αθήνα‘ und ‚Athina‘ (Originalformen, Endonyme) wären ‚Athen‘ und ‚Athens‘ deutsche und englische Exonyme, die es miteinander zu verknüpfen gilt. Komplex wird es bei grenzüberschreitenden raumbezogenen Objekten (mit unterschiedlichen Territorial- und Sprachgebieten). Ein Beispiel hierfür ist die Verknüpfung und Darstellung von Flüssen wie der ‚“Donau“ mit weiteren geographischen Namen in anderen Sprachen: „Dunaj“, „Duna“, „Dunav“, „Dunărea“ (alles Endonyme) oder „Danube“ (englisches Exonym).
Global gibt es keinen umfassenden „amtlichen“ Namendatendienst mit standardisierten Inhalten. In Europa können über die INSPIRE -Bereitstellung der Mitgliedsstaaten derzeit nur wenige nationale Namendatendienste mit grenzüberschreitenden „Bruchstücken“ zusammengestellt werden. Das BKG unterstützt global (UNGEGN ), europäisch (EuroGeographics , INSPIRE) und national/regional (StAGN ) die Aktivitäten zu standardisierten Namendaten.
Die Geschäftsstelle des Ständigen Ausschusses für Geographische Namen (StAGN) ist im BKG verankert. Bei Fragen zu geographischen Namen, kann der StAGN gerne um Rat gefragt werden. Die Experten decken alle möglichen Fachdisziplinen (u.a. Geschichte, Geographie, Sprachen) ab und stehen gerne für Fragen zur Verfügung. Der StAGN kann als Expertengremium auch bei politisch brisanten Fragen unterstützen, weil er unabhängig ist und länderübergreifend agiert.
Warum ist der StAGN als unabhängiges, wissenschaftliches Gremium wichtig?
Immer wieder gibt es Anfragen zur Handhabung geographischer Namen vom BMI, aber auch von anderen Behörden, Presse und Medien, Unternehmen und Bürgern. Wie bereits erwähnt, können geographische Namen kontroverse und auch politisch brisante Diskussionen verursachen. Genau in solchen Fällen ist es ein enormer Vorteil, auf ein unabhängiges Expertengremium verweisen zu können. Durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Länder im StAGN und die fundierte Recherche und Begründung jeder Antwort, wird die politische Komponente entschärft. Der StAGN reagiert – trotz oft ehrenamtlicher Mitarbeit – schnell und zuverlässig. Ein Beispiel dafür ist eine Bürgerpetition von 2018. Hier hat sich eine Bürgerin darüber entrüstet, dass auf deutschen Autobahnschildern an der östlichen Landesgrenze die deutschen Exonyme vorangestellt und die eigentlichen Endonyme nur in Klammern hintenangestellt werden. Deutschland wurde eine „nationalistische und chauvinistische Haltung gegenüber unseren Nachbarstaaten“ vorgeworfen. Hier zeigt sich, dass geographische Namen sehr emotionale Reaktionen und Assoziationen hervorrufen können.
Was sind geographische Namen?
Informationen zu Naturereignissen oder von Menschen herbeigeführten Veränderungen in der Umwelt finden immer irgendwo auf der Erdoberfläche statt. Das “Wo” ist hier entscheidend! Die Ortsangabe bzw. die Verortung dieser Informationen auf der Erdoberfläche ist ein wesentlicher Bestandteil der sog. “Geoinformation”. Der übliche Einstieg in die Geoinformation erfolgt durch geographische Namen. Sie sind elementarer Bestandteil von Geobasisinformationen. Geographische Namen sind Eigennamen für bestimmte Örtlichkeiten oder Gebiete der Erdoberfläche sowohl zu Lande als auch auf dem Wasser. Sie sind zu unterscheiden von geographischen Gattungsbezeichnungen. Es handelt sich also um Namen, denen wir in der Natur- und Kulturlandschaft begegnen., wie Landschaftsnamen ("Schwarzwald", Gewässernamen ("Donau"), Bergnamen ("Matterhorn"), Siedlungsnamen ("Frankfurt am Main") etc. Die Wahrnehmung eines Erdraumes und seiner Ausstattung erfolgt über Namen, die diesem seine unverwechselbare Identität geben. Namen dienen nicht nur der Benennung des Einzelwesens oder einer Gattung, sondern auch der Wahrnehmung, der Erkennung, der Unterscheidung und der Kommunikation. Namen erwecken Erwartungen und vermitteln Ansehen, sie sind entscheidend für das Herausbilden einer Identität. Namen weisen nicht nur auf das Bewusstsein eines sprachlichen und kulturellen Erbes hin, man braucht sie auch, um sich in der modernen technischen Welt zu orientieren und, um die Zukunft zu planen und zu gestalten.
Warum standardisierte geographische Namen?
Uneinheitlicher Gebrauch von geographischen Namen führt zu Missverständnissen in vielen Lebensbereichen. Ursachen dafür sind zum Beispiel, dass manche Orte mehr als einen Namen tragen, dass ein Name für mehrere Orte gilt oder dass die Wiedergabe von Namen aus anderen Sprachen Fragen nach der „richtigen“ Schreibweise aufwirft. So muss man wissen, welches Norddeich gemeint ist, von denen es zwei gibt. Die Ortsangabe Frankfurt reicht nicht aus, wir brauchen entweder den Kontext oder die genaue Ortsangabe (Frankfurt am Main oder Frankfurt/Oder), um Missverständnisse zu vermeiden. Oder wie soll man im Deutschen ukrainische Ortsnamen richtig darstellen, für die es verschiedene Varianten der Umschriftung gibt? Standardisierung geographischer Namen heißt u. a., dass bei mehreren Namen für ein und dasselbe geographische Objekt einer davon als der amtlich gültige kenntlich gemacht und dass seine Orthographie nach geltenden Regeln festgelegt wird. Grundsätzliches Ziel ist schließlich, Eindeutigkeit durch vereinheitlichten Gebrauch geographischer Namen im öffentlichen Leben zu erreichen. Die Standardisierung dient somit nicht nur den Zwecken der Verwaltung, sondern auch der Kartographie, der Wissenschaft, der Volksbildung, den Medien und allen Bürgerinnen und Bürgern, die sich geographisch orientieren möchten.
Wer beschäftigt sich mit der Standardisierung?
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Vereinten Nationen der Standardisierung der geographischen Namen bereits frühzeitig angenommen und dafür entsprechende Gremien gebildet sowie internationale Konferenzen organisiert. Dabei geht es nicht nur um die einheitliche Darbietung der Staatennamen, sondern auch um nationale Namenverzeichnisse in den einzelnen Staaten. In vielen Staaten gibt es Institutionen, deren Aufgabe es ist, über den Geltungsbereich, die Schreibweise und die Aussprache geographischer Namen zu befinden. In den englischsprachigen Staaten werden sie häufig „Board on Geographical Names" genannt. In anderen Staaten werden solche Aufgaben von Ministerien, staatlichen Instituten, Akademieeinrichtungen, von der Landestopographie, der Armee oder auch von nationalen geographischen Gesellschaften wahrgenommen. Der StAGN kann nicht selbst über einzelne Namen rechtlich verbindlich entscheiden, sondern ist ein Beratungsgremium, das sich im umfassenden Sinne um deutschsprachige geographische Namen kümmert und hierfür Regeln, Empfehlungen und Hinweise erarbeitet und bereitstellt.